Gegen Gewalt

Über Moral, Bewusstsein und Schutzlosigkeit

Der jungianische Kulturpsychologe Wolfgang Giegerich stellte 1991, im Zusammenhang mit dem Golfkrieg, die These auf, dass der Westen ein problematisches Verhältnis zur Gewalt entwickelt habe. Er meinte damit ausdrücklich kein Bekenntnis zur Gewalt und auch keine Rechtfertigung von Aggression, sondern eine spezifische kulturelle Haltung: eine Form der Distanzierung, die Gewalt zwar moralisch verurteilt, sie jedoch zugleich aus dem eigenen Wirklichkeitsverständnis ausblendet.

Giegerich illustrierte diese Haltung mit einer Anekdote. Ein Kirchgänger berichtete seiner Frau, die nicht an der Messe teilgenommen hatte, dass der Pfarrer über die Sünde gepredigt habe. Auf die Frage, was er dazu gesagt habe, antwortete er: „Er war dagegen.“

Die Pointe liegt natürlich nicht in der moralischen Position, sondern in ihrer Inhaltsleere.

Diese Beobachtung gewinnt heute erneut an Aktualität. Parolen wie „Nie wieder Krieg“, „Peace Now“ oder „Nicht in meinem Namen“ prägen öffentliche Debatten und Demonstrationen bezüglich des Gaza-Kriegs in den Niederlanden. Sie signalisieren moralische Ablehnung und markieren eine klare Distanz zum Phänomen der Gewalt. Doch genau hier beginnt das Problem: Die Ablehnung bleibt abstrakt.

Diese Parolen sind im niederländischen Kontext weithin verständlich. Sie richten sich nicht an konkrete Entscheidungsträger, sondern artikulieren eine moralische Distanzierung: So soll die Welt nicht sein – und ich will nicht Teil davon sein. Gerade in ihrer Allgemeinheit gewinnen sie soziale Akzeptanz. Sie funktionieren weniger als politische Forderung, als als Ausdruck persönlicher Haltung.

In Deutschland – und in ähnlicher Weise auch in Österreich – existieren vergleichbare Formeln wie „Frieden jetzt“ oder „Stoppt den Krieg“. Dennoch ist ihre gesellschaftliche Funktion dort anders. Historische Erfahrung, staatspolitische Verantwortung und ein stark juridisiertes Protestumfeld laden solche Aussagen ungleich stärker auf. Was in den Niederlanden als allgemeiner moralischer Appell gelesen wird, ist im deutschen Kontext häufig bereits Teil eines stark polarisierten politischen Deutungsraums.

Gerade deshalb eignet sich der niederländische Fall als analytisches Beispiel. Er zeigt in zugespitzter Form, was sich auch andernorts beobachten lässt: dass moralische Ablehnung von Gewalt oft nicht primär auf äußere Wirksamkeit abzielt, sondern eine innere Funktion erfüllt. Die Parole richtet sich scheinbar an die Welt, tatsächlich aber an das eigene Gewissen. Sie markiert Distanz, ohne Verantwortung zu übernehmen – und ersetzt Auseinandersetzung durch Positionierung.

Protest, Predigt und moralischer Selbstvergewisserung

Wenn der Protest nach innen wirkt

Predigt und Demonstration teilen eine paradoxe Struktur. Äußerlich richten sie sich an die Welt: an politische Akteure, militärische Entscheidungsträger, „die Verantwortlichen“. Ihr Anspruch ist interventionistisch. Doch ihre tatsächliche Wirkung liegt häufig woanders.

Wer auf einer Demonstration ruft „Stoppt den Krieg“ oder  „Peace Now“ erlebt dies als einen Akt des Engagements. Man erhebt die Stimme gegen Unrecht, positioniert sich sichtbar auf der Seite des Guten. Psychologisch vollzieht sich jedoch ein anderer Prozess. Die Rede richtet sich weniger an jene, die Gewalt ausüben oder über sie entscheiden, als an das eigene moralische Selbstverständnis.

Der Protest erfüllt damit eine innere Funktion. Er stabilisiert das eigene Gewissen. Er bestätigt die Zugehörigkeit zu einer moralischen Gemeinschaft. Er erzeugt das beruhigende Gefühl, nicht beteiligt zu sein – nicht schuldig, nicht verstrickt, nicht verantwortlich.

Diese Dynamik ist keineswegs neu. Sie erinnert an die religiöse Predigt, die, so wir wissen, vergebens darauf abzielt, die Sünde in der Welt zu beseitigen, als darauf, die Gemeinde in ihrer moralischen Ordnung zu bestätigen. Der Gläubige hört, dass die Sünde verwerflich ist – und erleichtert sich, auf der richtigen Seite zu stehen.

Moralische Positionierung statt politischer Wirksamkeit

In diesem Sinne ist ein großer Teil der zeitgenössischen Protestkultur weniger Widerstand als Ritual. Die öffentliche Ablehnung von Gewalt ersetzt nicht selten die Auseinandersetzung mit ihrer Realität. Sie markiert Haltung, ohne Handlung zu verlangen. Sie erzeugt Distanz, wo eigentlich Nähe zur Problematik notwendig wäre.

Das macht diese Form des Protests nicht per se verwerflich. Doch sie wird problematisch, wenn sie sich selbst überschätzt – wenn moralische Positionierung mit politischer Wirksamkeit verwechselt wird. Dann entsteht eine Illusion von Einfluss, die die realen Machtverhältnisse ausblendet.

Gerade im deutschen Kontext ist diese Unterscheidung entscheidend. Wo historische Verantwortung, rechtliche Sensibilität und politische Polarisierung aufeinandertreffen, wird moralische Rede schnell absolut gesetzt. Der Protest wird zur Selbstvergewisserung der eigenen Lauterkeit – und entzieht sich damit der Frage nach seiner tatsächlichen Wirkung.

Das narzisstische Moment des Guten

Hier berührt der Protest eine heikle Zone. Die demonstrative Ablehnung von Gewalt dient nicht selten einem narzisstischen Zweck: dem Bedürfnis, sich selbst als moralisch hochwertig zu erleben. Das Ich reinigt sich symbolisch, indem es sich öffentlich vom Bösen distanziert.

Je radikaler das Böse imaginiert wird, desto reiner erscheint das eigene Selbstbild. Gewalt wird externalisiert, moralisch ausgeschlossen, aus dem eigenen Vorstellungsraum verbannt. Doch was ausgeschlossen wird, muss nicht mehr verstanden werden.

Gerade darin liegt die Gefahr. Eine Kultur, die Gewalt ausschließlich moralisch verurteilt, ohne ihre psychologische, soziale und politische Realität anzuerkennen, schwächt ihre eigene Urteilskraft. Sie verurteilt, wo sie verstehen müsste – und versteht nicht, was sie bekämpfen will.

Gewalt als blinder Fleck

Vom Triumph der Geschichte zur Erosion der Wirklichkeit

Als Wolfgang Giegerich seine Diagnose formulierte, befand sich der Westen in einem Moment außergewöhnlicher Selbstgewissheit. Der Kalte Krieg war beendet, die Berliner Mauer gefallen. Politisch, ökonomisch und kulturell schien sich eine Ordnung durchgesetzt zu haben, die keiner ernsthaften Alternative mehr gegenüberstand. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sprach Anfang der 1990er Jahre vom „Ende der Geschichte“: Die liberale Demokratie, so seine These, habe sich als endgültige Staatsform erwiesen.

In diesem Klima wirkte Giegerichs Beobachtung wie eine exotische Randnotiz. Ein problematisches Verhältnis zur Gewalt? Eine Kultur, die sich als moralisch überlegen verstand, konnte sich solche Eigentümlichkeiten leisten. Gewalt galt als überwundenes Relikt der Vergangenheit – als etwas, das man bestenfalls historisch erinnert, nicht aber existenziell ernst nimmt.

In dieser Zeit fällt auch der vielzitierte Satz: „Weak people revenge. Strong people forgive. Intelligent people ignore.“

Gewalt verschwindet demnach nicht durch Konfrontation, sondern durch moralische Überlegenheit und rationale Ignoranz. Dass dieser Satz fälschlich Albert Einstein zugeschrieben wird, verleiht ihm eine Aura unangreifbarer Vernunft. Er bringt jedoch präzise jene Haltung zum Ausdruck, die Giegerich beschrieb: Gewalt wird nicht integriert, sondern ausgeblendet.

Mehr als drei Jahrzehnte später hat sich diese Illusion aufgelöst. Gewalt ist nicht verschwunden. Sie ist sichtbarer, vielfältiger und gesellschaftlich präsenter geworden.

Neben der direkten und physischen männlichen Gewalt haben wir im öffentlichen Raum den Aufstieg der relationalen und indirekten weiblichen Gewalt, wie Cancelling, Zensur und Manipulation festgestellt.

Terroristische Gewalt prägt die Welt seit dem 11. September. Der Ton politischer Debatten ist rauer geworden, digitale Räume sind von Aggression durchzogen.

Auch staatliche und institutionelle Gewalt hat neue Gestalten angenommen. Nicht nur als offener Machtmissbrauch, zum Beispiel gegenüber der Meinungsfreiheit, sondern auch als systemisches Versagen, als administrative Härte, als entgrenzte Bürokratie. Gewalt erscheint nicht mehr nur als Ausnahme, sondern als Nebenprodukt funktionierender Systeme.

Diese Entwicklung zwingt zu einer ernüchternden Einsicht: Gewalt ist keine Anomalie, kein historischer Betriebsunfall, sondern eine konstitutive Möglichkeit menschlichen Handelns. Sie verschwindet nicht, wenn man sie moralisch ausschließt. Im Gegenteil: Was aus dem Bewusstsein verdrängt wird, wirkt unkontrolliert weiter.

Und dennoch hat diese Realität kaum zu einer kulturellen Korrektur geführt. Nicht nur offene Aggression wird abgelehnt, sondern selbst die kleinste Form von Zumutung gilt als unzumutbar. Polizeigewalt, die zur Sicherung der öffentlichen Ordnung eingesetzt wird, steht unter Generalverdacht. Gewalt erscheint weiterhin als etwas prinzipiell Vermeidbares – als bloßes Ergebnis falscher Entscheidungen, nicht als Ausdruck tragischer Konflikte.

Politische Sprache spiegelt diese Verdrängung. Hilflose Formeln wie „inakzeptabel“ oder „nicht hinnehmbar“ ersetzen die Auseinandersetzung. Symbolische Gesten treten an die Stelle realer Konfliktbearbeitung. Täter und Opfer verschwimmen, Verantwortlichkeiten lösen sich auf. Gewalt bleibt real – während der Diskurs sie entwirklicht.

Fukuyama irrte. Die Geschichte endete nicht. Sie kehrte zurück – konflikthaft, widersprüchlich, unübersichtlich. Die liberale Ordnung zeigt Erosionserscheinungen. Polarisierung nimmt zu, Vertrauen schwindet. Gesellschaften, die sich lange als stabil und belastbar verstanden, verlieren an Widerstandsfähigkeit.

In diesem Kontext wird deutlich, was zuvor nur als kulturelle Eigenheit erschien: Die moralische Ausblendung von Gewalt erzeugt Schutzlosigkeit und Hilflosigkeit. Eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Verwundbarkeit nicht bewusst ist, verkennt ihre Lage in einer zunehmend konfliktreichen Welt.

„Alles Wertvolle ist verwundbar.“ (Lucebert, niederländischer Poet)

Dieser Satz beschreibt keine Schwäche, sondern eine Bedingung. Offenheit, Freiheit und Humanität setzen Verwundbarkeit voraus. Doch wo Verwundbarkeit nicht mehr bewusst getragen wird, kippt sie in Schutzlosigkeit. Und Schutzlosigkeit ist kein Ideal, sondern eine gefährliche Illusion.

Verwundbarkeit, Widerstandskraft und Krankheit

Es ist bezeichnend für den rationalen Geist der Gegenwart, dass sich der öffentliche Diskurs mit großer Intensität auf Symptome konzentriert. Wir diskutieren die Gefährlichkeit eines Virus, die statistische Verbreitung einer Krankheit, die Wirksamkeit einzelner Medikamente. Dabei gerät das Wesentliche leicht aus dem Blick: Ein Organismus ohne Widerstandskraft wird irgendwann zusammenbrechen, unabhängig davon, welcher Erreger ihn trifft. Die konkrete Krankheit ist sekundär. Entscheidend ist der Zustand des Körpers.

Ein gesunder Organismus ist nicht frei von Krankheitserregern. Er lebt mit ihnen. Er verfügt über ein Immunsystem, das zwischen Bedrohung und Zumutung unterscheiden kann, das reagiert, ohne in Panik zu verfallen, und Belastungen integriert, statt sie vollständig auszuschließen.

Übertragen auf Gesellschaften bedeutet dies: Eine funktionierende Kultur ist nicht diejenige, die Konflikte, Spannungen oder Gewalt vollständig vermeiden kann. Sie ist vielmehr diejenige, die über Widerstandskraft verfügt – über innere Strukturen, narrative Deutungen und institutionelle Fähigkeiten, um mit ihnen umzugehen.

Unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten kreisen jedoch häufig um die Frage nach dem „richtigen“ Erreger. Ist es Migration, Klimawandel, Extremismus, Diskriminierung oder Desinformation? Die Ursachen werden benannt, gewichtet, gegeneinander ausgespielt. Doch diese analytische Fixierung kann zur Ablenkung werden. Sie verdeckt die eigentliche Schwäche: den Verlust gesellschaftlicher Widerstandskraft.

Eine Gesellschaft, die ihre eigene Verwundbarkeit nicht anerkennt, sondern sie moralisch negiert, schwächt ihr Immunsystem. Sie versucht, sich durch Vermeidung, durch Tabuisierung, durch symbolische Reinheit zu schützen. Doch was ausgeblendet wird, verschwindet nicht. Es wirkt im Untergrund weiter – unintegriert, ungebunden, entgrenzt.

So entsteht Schutzlosigkeit nicht durch das Vorhandensein von Gefahren, sondern durch den Verlust innerer Abwehr. Nicht der Virus zerstört den Körper, sondern die fehlende Immunantwort. Nicht der Konflikt zerstört die Gesellschaft, sondern die Unfähigkeit, ihn als realen Bestandteil des sozialen Lebens zu begreifen.

Solange wir Gewalt nicht als echten und konkreten Teil des menschlichen Verhaltens sehen, bleiben wir denen gegenüber hilflos, die, ohne zu zögern, Gewalt anwenden, vor allem wenn sie ihre Strategie genau auf unsere Schwachstelle ausrichten. Wer wirklich was gegen Gewalt erreichen will, kann es sich nicht leisten, einfach nur dagegen zu sein. Wer Gewalt bekämpfen will, muss sie zuerst verstehen und als eine grundlegende, unausrottbare Kraft in der menschlichen Realität anerkennen. Nur wer Gewalt als existenzielles Phänomen anerkennt, kann wirksam dagegen vorgehen.

Verletzlichkeit kann eine Eigenschaft einer selbstbewussten Kultur sein. Wehrlosigkeit ist jedoch ein gefährlicher Irrtum, der in einer zunehmend feindseligen Welt fatale Folgen haben kann.

In diesem Sinne beschreibt Giegerich keine ethische Verirrung, sondern eine kulturelle Verkürzung: Gewalt wird aus der Wirklichkeit verdrängt und in den Bereich des prinzipiell „Unzulässigen“ verschoben. Was moralisch ausgeschlossen ist, muss nicht mehr verstanden werden. Genau darin liegt die Störung.

Post Scriptum

Noch immer bringt dieses Essay – mit seinen Verweisen auf die Gaza-Proteste – den Zeitgeist im Umgang mit dem Phänomen Gewalt zum Ausdruck. Wir ignorieren Gewalt und glauben, sie verschwinde dadurch. Gewalt wird nicht verstanden, sondern aus dem Bewusstsein herausgehalten.

Mit dem Krieg in der Ukraine ist das Phänomen Gewalt jedoch wie ein Geist aus der Flasche plötzlich zurückgekehrt. Kriegstüchtige Sprache, Wehrpflicht und milliardenschwere Investitionen in militärisches Gerät dominieren die Nachrichten. Auf den ersten Blick wirkt dies wie eine Reaktion auf die frühere Verdrängung, auf die frühere Naivität.

Bei näherer Betrachtung erweist sich die moralistische Bewusstseinsleere jedoch als erstaunlich stabil. Es fehlt jedes Gespür für die Grausamkeit von Kriegsgewalt, für Tod und Zerstörung; es fehlt die Aufmerksamkeit für den diplomatischen Weg, denn der Feind erscheint ebenso eindimensional falsch wie in einem PlayStation-Spiel. Es finden keine Szenarioanalysen statt. Die Parolen, die Symptome haben sich verändert, doch das Bewusstsein dafür, was Gewalt im Kern ist, fehlt nach wie vor. Wo sie zuvor verdrängt wurde, wird sie nun instrumentell umarmt. In beiden Fällen fehlt ein Verständnis von Gewalt als existenzielles Phänomen.

Die Formen wechseln. Die Bewusstseinsarmut bleibt.

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