Jenseits von Gut und Lustig

Eine phänomenologische Betrachtung über Humor und Moralismus

Wo ist Larry David?

Den Humor zu sezieren hat etwas Tragisches. Es verhält sich damit wie mit einem Witz, den man erklären muss: Dann lässt man es besser bleiben. Die Pointe besteht ja gerade in jener unerwarteten Wendung innerhalb eines Rahmens, den wir beide kennen. Und doch ist die anatomische Lektion nicht zu umgehen, denn um den Patienten auf unserem Seziertisch, die menschliche Fähigkeit zu befreiendem, unbequemem Humor, steht es schlecht.

Meine eigene Ernüchterung stellte sich nicht im Seziersaal ein, sondern zu Hause auf dem Sofa. Zu meinen Lieblingsserien gehört Curb Your Enthusiasm, in der Larry David, einer der Erfinder von Seinfeld, sich selbst spielt: ein Philosoph der alltäglichen sozialen Ordnung, getarnt als unausstehlicher Kerl.

Was die Serie so gut macht, sind nicht in erster Linie Larrys Pointen. Ihr Mechanismus besteht darin, soziale Konventionen auszusprechen, die nur funktionieren, solange sie unausgesprochen bleiben. Ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens besteht schließlich aus Fiktionen, an denen alle höflich mitwirken: Wir bedauern eine verpasste Einladung, während wir in Wahrheit erleichtert sind; wir freuen uns über ein Geschenk, das uns nicht gefällt; wir haben jemanden zufällig übersehen; und wenn der Gastgeber sagt, man solle bloß nichts mitbringen, dann meint er das keineswegs. Larry hat fast immer logisch recht, und ruiniert die Lage dabei vollständig. das finde ich ausgesprochen komisch.

Wer Loriot kennt, kennt das Verfahren. Auch dort zerfällt eine Ordnung, weil jemand darauf besteht, buchstäblich im Recht zu sein: das schiefe Bild, das unbedingt geradegerückt gehört, bis am Ende das Zimmer in Trümmern liegt. Genau das leistet ein Witz; er macht eine Konvention durchsichtig.

Nun zur Gegenwart. In Life, Larry and the Pursuit of Unhappiness tritt derselbe Larry David im Kostüm des 18. Jahrhunderts auf und hält Gestalten der amerikanischen Geschichte mit erhobenem Zeigefinger ihre gesellschaftlichen Verfehlungen vor. Wo der Zuschauer sich einst vor Lachen krümmte über den furchtlosen Tabubrecher, der selbst ein kleingeistiger Spießer war, sitzt er nun vor einem Sittenprediger in Kostüm. Aus dem Rebellen ist ein Prediger geworden.

Was sich hier beobachten lässt, steht nicht für sich. Es greift um sich, in der Medienlandschaft und im Umgang miteinander. Was ist also mit unserer kulturellen Ordnung geschehen, dass Humor nicht mehr in erster Linie stört, sondern sich moralisch rechtfertigen muss?

Wie es dazu kam

Gelacht und gespottet wurde immer. Es gehört zum menschlichen Bewusstsein, die eigene Unzulänglichkeit zu bemerken und darüber zu schmunzeln. Schon Aristoteles zählte den Scherz zu den Tugenden und das Lächerliche nannte er einen Fehler, der nicht wehtut. Das Mittelalter kannte den Karneval, in dem die Rangordnung für einige Tage auf den Kopf gestellt wurde, und der König hielt sich einen Narren, der aussprechen durfte, was sonst niemand aussprechen durfte.

Beides gibt es noch. Wer im Februar die Mainzer Fastnachtssitzung einschaltet, sieht Minister im Saal sitzen, die sich verspotten lassen und dafür anschließend einen Orden ans Revers gesteckt bekommen. Der Rahmen ist geblieben; er ist zum Sendeformat geworden.

So menschlich der Humor also war, begrenzt war er allemal: auf den festgesetzten Tag, innerhalb eines Rahmens, nach dem die Ordnung unversehrt wiederhergestellt wurde. Der Narr durfte alles, weil er ungefährlich war. Das Lachen war eingehegt, und gerade die Einhegung machte es möglich. Jenseits davon galt Spott nicht selten als Gotteslästerung, und das konnte den Kopf kosten.

Als die Befreiung des Individuums in den sechziger Jahren zu einem kollektiven Phänomen wurde, nahm die Komödie einen stürmischen Aufschwung. Gott verschwand aus dem Dorf, der niederländische Autor Geert Mak hat es am friesischen Jorwerd beschrieben: Niemand vertrieb ihn, die Kirche leerte sich einfach. Das Ich, das an seine Stelle trat, durfte die eigenen Gedanken und Gefühle ernst nehmen. Mit dem Ich erschien das Du, dem man alles sagen durfte, auch dann, wenn dieses Du eine Autorität war. Plötzlich konnte ein Einzelner die Ordnung frei verspotten; zuvor war das undenkbar gewesen. Satire und Ironie galten in jener jungen Moderne als Beweis intellektueller Reife.

Dieter Hildebrandt durfte im Scheibenwischer, was in keiner früheren Ordnung möglich gewesen wäre. Auch dieser Freiraum hatte eine Grenze, und sie lässt sich datieren: Am 22. Mai 1986, wenige Wochen nach Tschernobyl, weigerte sich der Bayerische Rundfunk, die Sendung auszustrahlen. Bayern bekam ein schwarzes Bild. Es folgten landesweite Proteste; gezeigt wurde die Folge dann in SPD-Sälen und in den Münchner Kammerspielen.

Man kann darin Zensur sehen. Aufschlussreicher ist, dass der Vorgang die Regel bestätigt: Es gab eine Grenze; alle wussten, wo sie verlief, und als sie überschritten wurde, geschah das sichtbar, mit Namen und Datum, und es gab einen Skandal.

Denn Parodie und Satire brauchen mehr als Freiheit: eine erkennbare Autorität und ein gemeinsames Bild der Wirklichkeit, von dem der Einzelne sich abstoßen kann. Chaplin brauchte Hitler, Spitting Image brauchte ein Kabinett, und Loriot brauchte eine Bundesrepublik, die sich in seinen Figuren wiedererkannte: in Familie Hoppenstedt, im Frühstücksei, in zwei Herren in der Badewanne. Satire verspottet die herrschende Ordnung, sonst ist sie keine.

Dann verschob sich der Blick, und hier lohnt sich ein niederländischer Umweg. In den neunziger Jahren lief im niederländischen Fernsehen Jiskefet, eine Sketchreihe, deren berühmteste Rubrik Debiteuren Crediteuren hieß: zwei Angestellte einer Buchhaltung, gefilmt in einem grauen Großraumbüro, die im Grunde über nichts reden. Erfunden, und doch hätte es sich genauso zutragen können. Die Parodie näherte sich der Wirklichkeit an, ehe es Reality-TV überhaupt gab; wer Stromberg kennt, weiß, wohin die Reise ging, nur kam der ein Jahrzehnt später.

Dann kam das Format selbst, ebenfalls aus den Niederlanden. Am 16. September 1999 startete Big Brother beim Sender Veronica, produziert von Endemol. Ein Jahr darauf lief es in Deutschland und löste eine Debatte über die Menschenwürde aus, wie sie in den Niederlanden nie geführt wurde. Wo wir uns früher auf Fernsehkomödien wie Frasier oder Yes, Minister gefreut hatten, saßen wir bald vor dem Fernseher und sahen Menschen beim Nichtstun zu. Wozu noch jemanden parodieren, wenn der Reality-Star das selbst viel besser kann?

Je wichtiger das Individuum selbst gegenüber der Rolle wird, die es in einer gemeinsamen Ordnung einnimmt, desto interessanter wird offenbar die banale Alltagswirklichkeit gegenüber ihrer Parodie. Das Reality-TV räumte die intellektuellen Doppelböden ab und ersetzte sie durch den Exhibitionismus des hemmungslosen Ichs vor der Kamera und eine Prise voyeuristischer Überlegenheit beim Zuschauer davor. Zwei zutiefst menschliche Eigenschaften, wenn auch nicht die vornehmsten, bekamen freie Bahn.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung, als die Wirklichkeit die Satire endgültig einholte. Mit Figuren, deren tägliches Auftreten grotesker ausfiel als jede Imitation, löste sich der gemeinsame Bezugsrahmen auf. 2017 sagte Alec Baldwin über seine Trump-Imitation bei Saturday Night Live:

“Trump zu spielen macht nicht besonders viel Spaß. Er ist angespannt, er ist wütend … Wir geben einfach nur wieder, was er sagt. Das ist seltsam, aber noch seltsamer ist, dass es real ist.”

So gerieten wir in eine Zeit, in der das tatsächliche Auftreten einer der höchsten Autoritäten der Welt von der bestmöglichen Parodie derselben Person nicht mehr zu unterscheiden war. Hebt die Person sich nicht mehr vom Amt ab, fallen Karikatur und Wirklichkeit zusammen, dann verschwindet die Distanz, und mit ihr die Autorität. Was bleibt, ist ein Echo: bemerkenswert vielleicht, komisch nicht mehr.

Als die Ordnung kippte

Was darf die Satire? Alles, schrieb Kurt Tucholsky 1919. Heute stellt sich die Frage anders: nicht, was sie darf, sondern wo sie steht.

Gibt es denn keine Eliten, Autoritäten und Mächtigen mehr, über die zu spotten wäre? Die Macht ist nach wie vor auffindbar, in Deutschland sogar mit Anschrift: Sie sitzt dort, wo Sendezeit verteilt, Fördermittel vergeben und Programme beschlossen werden. In den Rundfunkräten tun das Vertreter gesellschaftlich relevanter Gruppen, Kirchen, Gewerkschaften, Verbände mit Sitz und Stimme. Verschwunden ist also nicht das Oben. Verschwunden ist das Verhältnis dazu.

Der Hof hielt sich einen Narren, nicht aus Duldsamkeit, sondern weil es ein Zeichen von Stärke war, sich verspotten zu lassen. Der Narr besaß keine förmliche Macht, wohl aber eine Stellung, und sein Mandat kam von oben, von eben dem, den er lächerlich machte. Ein solches Verhältnis setzt eine Ordnung mit Spitze und Basis voraus sowie zwei ungleiche Parteien, die einander darin kennen.

Diese Ordnung ist gekippt. Was die Niederländer ihre Versäulung nennen und die deutsche Soziologie ihre sozialmoralischen Milieus, stand aufrecht: Man gehörte dazu durch Herkunft, Konfession, Ort. Was an ihre Stelle trat, ordnet sich waagerecht, in Identitätsgruppen. Sie kennen kein Oben und Unten mehr, nur ein Nebeneinander, und man gehört ihnen nicht durch Herkunft an, sondern durch Überzeugung.

Damit ändert sich, was Kritik überhaupt ist. Wer seine Zugehörigkeit aus Überzeugungen bezieht, erlebt Widerspruch nicht als Widerspruch, sondern als Angriff auf die eigene Person. Für Relativierung bleibt in einer Identitätsgruppe wenig Raum.

Wer kein Mitglied ist, ist folglich auch kein Narr. Der Spötter wird nicht verboten, seine Ansicht wird nicht widerlegt. Er wird umsortiert.

Nehmen wir Dieter Nuhr. Sein Register hat sich in zwanzig Jahren nicht wesentlich verändert; verändert hat sich die Schublade, in die man ihn legt. Im Sommer 2020 veröffentlichte die Deutsche Forschungsgemeinschaft für ihre Jubiläumskampagne einen Beitrag von ihm, löschte ihn nach Kritik im Netz wieder und bestritt anschließend, dass es sich um Zensur handle. Eine Wissenschaftsorganisation, ein Kabarettist, ein Löschvorgang: Das Urteil war vom Witz auf den Menschen übergegangen, und damit war die Sache erledigt.

In den Niederlanden heißt derselbe Fall Hans Teeuwen. Vor zwanzig Jahren war er der Hofnarr schlechthin: absurd, unberechenbar und derb, und gerade dafür von der Kulturelite gefeiert. Auch sein Stil ist derselbe geblieben. Für einen Teil eben dieser Elite ist er heute kein Narr mehr, der zu weit geht, sondern ein Rechtsextremer, der es nicht verstanden hat.

Man beachte den Unterschied zu 1986. Damals wurde eine Sendung abgeschaltet: sichtbar, mit Verantwortlichem und Datum, und das Land stritt darüber. Heute schaltet niemand etwas ab. Es wird umsortiert, und dagegen lässt sich schwer protestieren, weil ja nichts geschehen ist.

So verlor die Parodie ihren Gegenstand gleich zweifach. Der eine lässt sich nicht mehr parodieren, weil er sich von nichts mehr abhebt. Der andere lässt sich nicht parodieren, weil er es nicht zulässt, und das kann er, denn ihm gehört die Sendezeit. Und außerhalb unserer selbst gibt es ebenfalls nichts mehr, was uns relativierte, denn das Ich ist zur letzten Instanz geworden.

Clapter

Gelähmt von der Angst zu verletzen, und weil die Wirklichkeit sich nicht mehr parodieren lässt, hat die Kulturelite Zuflucht genommen zu dem, was in amerikanischen Writers’ Rooms Clapter heißt: eine Zusammenziehung aus applause und laughter. Der Begriff stammt aus der Zunft selbst; er kursiert, seit die Autoren Tina Fey und Seth Meyers ihn benutzten, um zu beschreiben, was ihr eigenes Publikum tat in Saturday Night Live.

Clapter ist der Fluchtweg eines Publikums, das Relativierung nicht mehr erträgt. Sagt ein Komiker heute etwas, durchläuft der Saal eine kurze moralische Prüfung:

  1. Entspricht die Aussage den Normen meiner Gruppe?
  2. Bestätigt sie, dass wir auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, ohne dass jemand im Saal verletzt wird?
  3. Wenn ja: Wir klatschen und nicken zustimmend.

Der Unterschied zum Lachen ist kein gradueller, sondern ein wesentlicher. Applaus kann man beschließen; Lachen überkommt einen. Die Zustimmung geht dem Applaus voraus, und eben deshalb fühlt er sich sicher an. Aus dem störenden Reflex ist die Visitenkarte der eigenen moralischen Überlegenheit geworden.

Auch der Voyeurismus hat den Gegenstand gewechselt. Wer zustimmend applaudiert, bestätigt nicht nur den Redner, sondern sich selbst. Wir blicken nicht mehr auf den herab, der sich vor der Kamera zum Narren macht, sondern auf den, der es noch nicht begriffen hat. Das Objekt ist ein anderes, das Vergnügen dasselbe. Moralische Zurschaustellung ist die Herablassung des Bildungsbürgers, nur besser gekleidet.

Es geht dabei nicht um Komiker, die weniger witzig geworden wären, sondern um ein Publikum, das erst wissen will, ob gelacht werden darf. Jenes andere Publikum, das tatsächlich lacht, gibt es weiterhin; es sitzt bloß nicht mehr in den von Subventionen lebenden Sälen.

Das Lachen kann auf zwei Weisen verstummen.

Die erste ist uralt, bisweilen aber bemerkenswert aktuell, wie man bei Charlie Hebdo weiß. Eine Anhängerschaft, die über ihren eigenen Anführer nicht lachen kann, verstößt den, der es doch tut. Solange es Stämme gibt, gibt es diese Form.

Die zweite ist neu. Die kulturelle Oberschicht hat sich in eben jenen waagerechten Verbünden neu formiert, in denen gemeinsame Ansichten die Identität stiften. Wer seine Identität aus Ansichten bezieht, kann sie schwerlich relativieren. Diese zweite Form findet man bei denjenigen, die über das Programm entscheiden.

Moralismus und Exhibitionismus

Nun wird sichtbar, was aus dem Exhibitionismus des Reality-TV geworden ist. Er ist nicht verschwunden, er ist umgezogen. Wo das hemmungslose Ich sich um die Jahrtausendwende noch in der Big-Brother-Dusche entblößte, entblößt es sich heute im moralischen Urteil. Derselbe Drang, gesehen zu werden, nur in einem respektableren Schaufenster: vom Körper ins Gewissen.

Das Deutsche hält dafür seit den achtziger Jahren ein eigenes Wort bereit, und es ist genauer, als denen lieb sein kann, die es geprägt haben: Betroffenheitskultur. Heute sagt man Haltung zeigen. Beides bezeichnet eine Gesinnung, die nicht gilt, solange sie nicht vorgeführt wird.

Dass dieser Umzug so zwingend ausfällt, hat einen Grund, der über das Fernsehen hinausreicht. Der deutsche Autor Malte Nelles hat ihn knapp gefasst: Gott ist nicht tot, Gott ist umgezogen, ins Ich. Was der Mensch früher etwas außerhalb seiner selbst anvertraute, Orientierung, Sinn und zuletzt das Urteil, hat er nach innen genommen. Wer sich das letzte Urteil über alles aufgeladen hat, aber über keinen Beichtstuhl mehr verfügt, steht vor einer Schwierigkeit: Absolution von oben gibt es nicht mehr, also muss die Bestätigung von der Seite kommen. Das Urteil will gezeigt werden, öffentlich und am besten dauerhaft, denn nur dort kann sich noch erweisen, dass es taugt. Moralische Zurschaustellung ist der Gottesdienst einer Religion, deren Gott ins Ich umgezogen ist.

Wer hereinkomt

Bislang ging es um das Publikum. Bedrückender ist, was in den Institutionen geschieht: in den Anstalten, den Fördergremien, den Redaktionen, den Produktionsfirmen. Ein Publikum, das nicht mehr lachen kann, ist ein Phänomen. Eine Institution, die sich nicht mehr traut zu programmieren, ist eine Entscheidung, und damit eine Frage der Führung.

Zensur ist dafür das falsche Wort, und ein bequemes dazu, weil es jemanden unterstellt, der verbietet. Was hier geschieht, gleicht eher dem, was in den Klubs des neunzehnten Jahrhunderts die Ballotage war: Die Mitglieder entscheiden mit weißen und schwarzen Kugeln, wer aufgenommen wird. Verboten wird nichts. Man kommt nur nicht herein.

Drei Mechanismen halten das aufrecht.

Der erste ist die Verwechslung von Absicht und Qualität. Max Weber hat den Unterschied 1919 beschrieben: Die Gesinnungsethik fragt, ob die Haltung stimmt; die Verantwortungsethik fragt, was am Ende herauskommt. Im Kulturbetrieb hat die erste gesiegt. Ein Sketch muss nicht mehr überraschen; solange sich niemand verletzt fühlt und die richtigen Signale gesetzt sind, wird er genehmigt. Das ist kein künstlerischer Maßstab, sondern eine Rückversicherung.

Der zweite ist der blinde Fleck für die eigene Lage. Satire spottet von unten nach oben; sobald die etablierte Ordnung Satire betreibt, um die eigenen Werte zu lehren, wird daraus zwangsläufig Belehrung von oben herab. Das Erfreuliche, oder das Traurige, ist: Es handelt sich nicht um Heuchelei, sondern um einen Wahrnehmungsfehler. Die Kulturordnung, die die Macht hat, hält sich noch immer für die Protestierende am unteren Ende der Leiter und tritt in bestem Glauben nach unten, überzeugt, nach oben zu treten.

Der dritte ist das Verschwinden der redaktionellen Korrektur, jenes Satzes, mit dem jemand einem Macher sagt, dies sei kein Sketch, sondern eine Predigt. Der Satz fällt nicht mehr, und selten aus Feigheit. Er fällt nicht, weil der, der ihn ausspricht, genau weiß, was es kostet, aus der Gruppe zu fallen, in einer Welt, in der Zugehörigkeit fortwährend neu bewiesen sein will. Es ist das Muster aus jeder Rekonstruktion entgleister Redaktionskulturen: Alle wussten es, niemand sagte etwas.

Unterdessen wird mehr gelacht als je zuvor. Die Specials sind endlos, die Podcasts wachsen schneller als die Sender, die Säle sind ausverkauft, und all das geschieht dort, wo keine Redaktionssitzung mehr dazwischen tritt. In Deutschland genügt ein Blick auf die Reichweite eines Comedy-Podcasts im Vergleich zu der eines Kabarettformats im Ersten. Der Humor ist nicht verschwunden, er ist ausgewandert: fort aus den Institutionen, die ihn einst beherbergten, hin zu Orten, an denen niemand für Tugendhaftigkeit unterschreiben muss. Das widerlegt die Diagnose nicht, es bestätigt sie.

Und es erklärt, weshalb ein Stand-up-Comedian wie Ricky Gervais außerhalb des Systems bestens zurechtkommt. Selbst Louis C.K., der 2017 sexuelles Fehlverhalten einräumte und daraufhin von Sendern und Verleihern fallen gelassen wurde, verkauft seine Programme seither erfolgreich über die eigene Website. Ob das gerecht ist, steht auf einem anderen Blatt. Bemerkenswert ist, dass das Publikum die Frage inzwischen selbst beantwortet, ohne auf die Institutionen zu warten.

Gelacht wird also weiterhin, denn Lachen ist etwas Menschliches, und darauf hat keine kulturelle Ordnung Zugriff. Edler wird diese Ordnung davon übrigens nicht. Nur kleinlicher.

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