Die Unschuldigen

Über Schuld, Verantwortung und das moralische Fieber unserer Zeit

Prolog

Der Westen scheint von einer Welle des Engagements überschwemmt zu werden. Unter unterschiedlichen Namen und entlang unterschiedlicher Themen – Klima, Rasse, Gender, soziale Gerechtigkeit, Migration – zeigt sich eine moralische Bewegtheit, die sich als notwendig, dringlich und unabwendbar versteht. Viel steht auf dem Spiel, so lautet die Botschaft, und Zeit zu verlieren bleibt keine.

Für dieses Engagement gibt es einen Sammelbegriff, auch wenn nicht ganz klar ist, ob es sich um eine selbstgewählte Ehrenbezeichnung der Aktivist:innen handelt oder um ein abwertendes Etikett der Kritiker:innen: „woke”, abgeleitet von „wach”, „bewusst” und „aufmerksam” gegenüber Unrecht und Machtmissbrauch. Woke zu sein bedeutet in diesem Sinne nicht Gleichgültigkeit, sondern moralische Wachsamkeit. Es setzt einen geschärften Blick für strukturelle Fehlentwicklungen sowie die Bereitschaft voraus, diese zu benennen – auch oder gerade dann, wenn es unbequem wird.

Zugleich ist dieses Engagement nicht unverbindlich. Es spricht in absoluten Kategorien, duldet wenig Widerspruch und geht mit einem ausgeprägten Gefühl moralischer Überlegenheit einher. Während es sich auf der Straße und in den sozialen Medien mitunter aggressiv äußert, klingt es in institutioneller Form wie ein Plädoyer für Ausnahmezustände, Sonderregelungen und die Aussetzung dessen, was bis vor Kurzem als Errungenschaften galten: offene Debatte, Grundrechte und demokratische Verfahren. Widerstand wird nicht selten psychologisiert. Wer zweifelt, leidet angeblich an einer Phobie oder befindet sich noch im Zustand der Unbewusstheit.

In progressiven Milieus findet dieses Engagement breite Resonanz. Vielleicht, weil es Erinnerungen an frühere emanzipatorische Bewegungen weckt, an eine Zeit, in der gesellschaftliches Engagement und moralischer Ernst als selbstverständlich galten. Nach Jahrzehnten neoliberaler Nüchternheit und technokratischer Verwaltung entsteht wieder Raum für Begeisterung, für Sinn und für ein gemeinsames Ideal. Es ist, als erhielte die Geschichte endlich wieder eine Richtung – vorausgesetzt, man ist bereit, entschlossen vorzugehen.

Kritiker geraten dabei in die Defensive und bleiben häufig bei Stilfragen stehen: zu moralistisch, zu tugendhaft, zu korrekt. Aber was ist falsch am Tugendhaften? Am Streben nach Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit und Sorge für die Erde? Zudem stammt die Kritik nicht selten aus populistischen Lagern, was sie von vornherein verdächtig erscheinen lässt. Und doch regt sich Unbehagen. Die Tendenz zur Ausgrenzung, der moralische Absolutismus, die Bereitschaft zu streichen, zu canceln und zu verdammen – all dies wirft die Frage auf, ob es sich hierbei tatsächlich um Aufklärung handelt.

Wie ist dieses Engagement zu verstehen? Ist es die Vorhut eines neuen Bewusstseins, das die Nachzügler mitziehen wird, wie es frühere Emanzipationsbewegungen getan haben? Oder ist es ein Symptom von etwas anderem – einer tieferliegenden Verwirrung, einer Unruhe, die sich moralisch tarnt? Und weiter gefasst: Was, wenn dieses Phänomen weniger über die Welt, die verändert werden muss, aussagt als über das Bewusstsein, aus dem heraus diese Veränderung eingefordert wird?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir nicht zuerst auf Positionen, sondern auf den Zeitgeist blicken, in dem dieses Engagement entsteht und gedeiht: auf die Luft, die wir atmen, auf das Wasser, in dem wir schwimmen. Auf das, was so selbstverständlich geworden ist, dass es kaum noch wahrgenommen wird.

1. Über den ungesehenen Zeitgeist

Wer ein Phänomen verstehen will, das so allgegenwärtig ist wie das gegenwärtige Engagement, kann sich nicht darauf beschränken, Standpunkte oder Intentionen zu analysieren. Was sich hier zeigt, ist keine bloße Meinung, sondern Ausdruck des Zeitgeistes, in dem wir leben. Und gerade diese Dimension entzieht sich leicht der Wahrnehmung.

Der Zeitgeist ist das, was wir atmen, ohne es zu bemerken. Er bildet den selbstverständlichen Rahmen unseres Denkens, Fühlens und Urteilens. So wie ein Fisch das Wasser, in dem er schwimmt, oder ein Vogel die Luft, die sie trägt, nicht wahrnehmen, so bleibt auch der Mensch sich seines eigenen Zeitgeistes weitgehend unbewusst. Womit wir identifiziert sind, können wir nicht sehen.

Das macht jede Zeitgeistdiagnose verletzlich. Nicht, weil sie notwendigerweise falsch wäre, sondern weil sie an das rührt, womit wir uns am stärksten identifizieren. Wer den Zeitgeist befragt, befragt implizit auch den eigenen moralischen Kompass, die eigenen Selbstverständlichkeiten sowie das eigene Gefühl von Klarheit und Fortschritt. Das ruft Widerstand hervor – oft noch bevor der Inhalt überhaupt zur Sprache kommt.

Und doch ist dieser Umweg unvermeidlich. Solange wir Phänomene ausschließlich innerhalb des von ihnen selbst hervorgebrachten Rahmens beurteilen, bleiben wir in ihm gefangen. Erst wenn wir bereit sind, diesen Rahmen selbst zu untersuchen, wird sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt. Nicht, um uns darüber zu stellen, sondern um einen gewissen Abstand zu gewinnen.

Was folgt, ist ein solcher Versuch. Es geht nicht um ein moralisches Urteil oder einen historischen Überblick, sondern um eine Betrachtung des Bewusstseins, das diese Zeit hervorbringt – und das durch seine Selbstverständlichkeit schwerer zu erkennen ist als jede Ideologie.

2. Die Befreiung, die alles veränderte

Als in den sechziger Jahren die individuelle Befreiung kollektiv durchbrach, wurde ein ungeheures Maß an Energie freigesetzt. Was sich in den Jahrhunderten zuvor bereits in Kunst, Wissenschaft und Philosophie angekündigt hatte, erhielt nun gesellschaftliche Gestalt. Der Mensch löste sich aus den Selbstverständlichkeiten von Hierarchie, Tradition und Autorität. Kirche und Vaterland verloren ihre Unantastbarkeit und wurden zum Gegenstand des Spotts. Wir begannen, unser eigenes Leben zu gestalten, statt das Leben von Vater, Mutter oder Pfarrer zu führen, und wollten die Welt verbessern.

Diese Befreiung setzte eine Explosion von Kreativität, Vitalität und Ehrgeiz frei. Das moderne Leben gewann an beeindruckender Ausdruckskraft in den Bereichen Lebensstil, Gastronomie, Mode, Kunst und Wissenschaft. Die Welt erschien nicht nur im technischen Sinne gestaltbar, sondern auch als Raum persönlicher Entfaltung. Freiheit wurde erkämpft – und sie wurde gelebt: sichtbar, greifbar, mitunter exuberant.

Es war ein historischer Moment der Emanzipation, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Der einzelne Mensch trat als Träger von Sinn hervor, begleitet von der Überzeugung, dass eine Welt freier Individuen gleichsam von selbst zu einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft führen würde. Natürlich würde die Moderne ihr Versprechen einlösen.

3. Die unbeabsichtigte Kehrseite

Doch war diese Befreiung dauerhaft tragfähig? Und wie steht es heute um jene Freiheit, einen der Grundpfeiler der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte? Jahrzehnte später drängt sich eine unbequeme Bilanz auf. Trotz beispiellosen Wohlstands und nie gekannter Wahlfreiheit geraten große Teile der Bevölkerung ins Stocken. In den Niederlanden leben über eine halbe Million Haushalte in Armut. Burn-out ist zur Volkskrankheit Nummer eins geworden. Diagnostische Handbücher psychischer Störungen haben sich im Umfang verdoppelt, während die Zahl der Therapeuten gestiegen ist – und die Wartelisten dennoch länger werden.

Auch auf kollektiver Ebene knirscht es. Die Sustainable Development Goals atmen Ehrgeiz, aber auch Dringlichkeit und Verzweiflung. Unsere Wohnungen sind dank Waschmaschine, Staubsauger und Tausend-Dinge-Tüchern sauberer denn je, doch die Umwelt zeigt deutliche Spuren der Erschöpfung. Und während das Leben immer besser organisiert wird, scheint das Gefühl von Erfüllung eher abzunehmen als zuzunehmen.

Die Annahme, dass individuelle Freiheit und Entfaltung automatisch zu Glück und Fortschritt führen würden, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Selbst wenn wir alle Freiheit gelebt hatten, waren wir noch immer nicht glücklich, und die Welt war alles andere als vollendet. Das Versprechen der Moderne ist nicht schlicht gescheitert, sondern hat etwas Entscheidendes übersehen.

4. Das Wesen der Moderne: Ambivalenz

Entscheidend ist nicht die Freiheit selbst, sondern die psychologische Struktur, in der diese Freiheit gelebt wird. Das Wesen der Moderne ist nicht die individuelle Entfaltung – Wachstum ist schließlich eine natürliche Folge, wenn Barrieren fallen –, sondern die damit einhergehende Ambivalenz. Das moderne Bewusstsein wird vom „Ich“, vom Ego, dominiert und dieses Ego ist seinem Wesen nach ambivalent.

Das Ego ist nicht glücklich, weil es frei ist – diese Freiheit erweist sich zunehmend als Last –, sondern weil es Bestätigung erfährt. Es sucht Anerkennung, Wertschätzung und Validierung und gerät aus dem Gleichgewicht, wenn diese ausbleiben. Es identifiziert sich mit Gedanken, Meinungen und äußeren Erscheinungen und leitet sein Existenzrecht aus dem Vergleich mit anderen ab. In einer Kultur permanenter Sichtbarkeit und Rückmeldung wird diese Abhängigkeit noch verstärkt.

So entsteht eine innere Pattsituation: Der Mensch ist freier denn je, erlebt sich aber zugleich als verletzlich, unsicher und unvollständig. Die Moderne hat das Individuum befreit – und zugleich auf sich selbst zurückgeworfen. In dieser Spannung zwischen Autonomie und Abhängigkeit, zwischen Selbstbestimmung und Anerkennungsbedürfnis liegt der psychologische Kern unserer Zeit.

Diese Ambivalenz bildet den Nährboden für ein tieferliegendes Problem, das sich nicht nur individuell, sondern auch kollektiv manifestieren wird.

5. Das Ego als psychologisches Zentrum

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb Sigmund Freud die menschliche Persönlichkeit als Spannungsfeld dreier Instanzen: Es, Ich und Über-Ich. Das Es steht für die instinktiven Triebe, das Über-Ich für das Gewissen und die internalisierten moralischen Normen. Das Ich nimmt eine vermittelnde Position ein: Es versucht, die Ansprüche des Es mit den Forderungen des Über-Ichs und den Begrenzungen der Realität in Einklang zu bringen.

Das Ego ist nicht spezifisch für die Moderne, doch in der modernen Zeit ist es zur dominanten Identität geworden. „Ich bin“ und „ich will“ fungieren dabei als leitende Prinzipien. Das Ego identifiziert sich mit Gedanken, Überzeugungen und äußeren Merkmalen. Es erlebt sich nicht als intrinsisch in Ordnung, sondern als bedingt: Es ist nur dann in Ordnung, wenn es Bestätigung erfährt. Diese Bestätigung kommt von außen – durch Erfolg, Anerkennung und Vergleich.

Obwohl nahezu alle spirituellen Traditionen diese Ego-Dynamik relativieren, ist sie beim westlichen Menschen tief verankert. Das Ego ist eine mentale Konstruktion, die sich fortwährend auf andere bezieht und sich kaum von externer Validierung lösen kann. Dadurch wird es verletzlich, ruhelos und grundlegend unsicher.

Eckhart Tolle bezeichnet diese Ego-Dimension als den „Schmerzkörper“. In ihm lagern unverarbeitete Traumata. Er nährt sich von Gedanken, Urteilen und negativen inneren Dialogen. Wenn wir uns mit diesen Gedanken identifizieren, erleben wir uns als dumm, hässlich oder gescheitert. Indem wir dieser inneren Maschinerie fortwährend Aufmerksamkeit schenken, verstärken wir das negative Selbstbild – der Schmerzkörper bleibt lebendig und kann wachsen.

Die gegenwärtige seelische Problematik lässt sich kaum verstehen, ohne den dominanten Schmerzkörper, also das Ego, in den Blick zu nehmen.

6. Neurose als absolutes Bewusstsein

Es ist kein Zufall, dass in derselben Epoche, in der das Ego seine zentrale Stellung einnahm, auch die Neurose in den Vordergrund trat. Stress, Burn-out, Depressionen und Aggressionen sind keine Randerscheinungen, sondern strukturelle Symptome der modernen Psyche. Neurosen jeglicher Art können als geistige Pandemie der Moderne verstanden werden. Ihre Chronologie verläuft auffallend parallel zur Geschichte des modernen Bewusstseins.

Der jungianische Psychologe und Philosoph Wolfgang Giegerich bietet hierzu eine erhellende Perspektive. Seiner Ansicht nach lässt sich die Neurose an ihrem absoluten Charakter erkennen. Die typischen Fragen des modernen Egos lauten: „Wer soll ich sein? Wie soll die Welt sein? – werden nicht mehr innerhalb eines relativierenden Rahmens gestellt, sondern so, als gäbe es nur eine einzige richtige Antwort.

Hier vollzieht sich eine bemerkenswerte Regression. Die Moderne schien das Zeitalter der Freiheit und Relativierung zu sein. Doch in der Neurose kehrt etwas Altes zurück: das Absolute des Gruppenbewusstseins. Wo früher alles in Kategorien wie Himmel oder Hölle, Gut oder Böse beurteilt wurde, erscheint nun erneut eine binäre Wirklichkeit. Unbemerkt kehrt durch die Hintertür zurück, wovon man glaubte, sich verabschiedet zu haben.

Die neurotische Psyche erträgt keine Ambiguität. Man denke an die Zwanghaftigkeit von Anorexie- oder Bulimiepatientinnen. Sie widersetzt sich mit zwingender Überzeugung gegenüber Nuancen, Erfahrung und Rationalität. An die Stelle von Offenheit tritt Verkrampfung, an die Stelle von Freiheit Zwang.

7. Absolutismus in einer Zeit der Freiheit

Dieser Absolutismus ist allgegenwärtig. Formeln wie „absolut inakzeptabel“, „absolut notwendig“ oder „alternativlos“ prägen den öffentlichen Diskurs. Was einst zum Gespräch einlud, wird nun als moralische Gegebenheit präsentiert – notfalls abgesichert durch wissenschaftlichen Konsens. Für Maß, Zweifel und das unbequeme Dazwischen bleibt kein Raum.

Das Paradoxe daran ist offensichtlich: In einer Zeit, die sich selbst als frei und individualistisch versteht, verschwindet ausgerechnet die Relativierung. Der erwachte Aktivist relativiert nichts. Kompromiss, Vernunft und Rationalität gelten rasch als feige oder überholt. Mit dem Absoluten zeigt die Neurose ihre Immunität gegenüber Widerspruch und Klärung.

Diese Irrationalität äußert sich in bemerkenswerten Umkehrungen. Um Mikroaggressionen zu vermeiden, wird man selbst zum Aggressor. Im Kampf gegen Diskriminierung werden nun andere diskriminiert als zuvor. Körper, die als soziale Konstruktionen gelten, erfordern physische Eingriffe, um verändert zu werden. Die Natur des 19. Jahrhunderts ist heilig, ihre Rituale jedoch verdammt.

Der Totempfahl dieser neurotischen Psyche ist der Gedanke der Machbarkeit. Er bildet die fundamentalste Synthese der Moderne. Doch das Leben lässt sich nur begrenzt formen. Wenn diese Illusion zerbricht, bleibt eine unerträglich erscheinende Wirklichkeit zurück. In diesem Sinne kann die Neurose als Weigerung verstanden werden, die wirkliche Welt zu betreten – eine Welt der Begrenzung, der Tragik, des Guten und des Bösen sowie des Leidens als inhärenter Bestandteil der menschlichen Existenz.

Was sich hier individuell vollzieht, kann sich kollektiv organisieren. Wohin soll das brodelnde Unbehagen, die latente Unruhe und Aggression des Egos gehen, wenn sie für immer mehr Menschen untragbar werden?

8. Das Verschwinden Gottes und die Einsamkeit der Schuld

Schuld wurde uns früher mit der Muttermilch eingegeben. „Seht, wohin? Auf unsre Schuld“, lernten wir von Bach. Damals konnte ich meine Schuld noch zu Gott bringen. Er würde mir vergeben. Andernfalls schleppte ich die Erbsünde bis zum Tod mit mir, in der Hoffnung, wenigstens im Reich Gottes erlöst zu werden. Es gab auch eine Alternative: Ich konnte meine Schuldgefühle auf eine andere Gruppe projizieren. Wenn diese kollektive Projektion groß genug wurde, entstand eine Katharsis, die wir „Krieg“ nannten. Schuld war schwer, manchmal unerträglich, doch sie war eingebettet in einen größeren kosmischen Zusammenhang, in dem Versöhnung möglich war.

In der Moderne ist diese transzendente Ordnung verschwunden. Gott wurde für tot erklärt, Aggression gilt als moralisch verdächtig und offener Konflikt als barbarisch – selbst auf mikroskopischer Ebene. Das moderne Ich steht allein. Schuld kann nicht mehr getragen werden, aber auch nicht einfach aufgelöst werden; sie bleibt.

Der einsame Schuldige ist eines der am wenigsten wahrgenommenen Phänomene des modernen Bewusstseins und eine der am meisten unterschätzten Spannungen unserer Gesellschaft.

9. Die Illusion der Machbarkeit und die Last der eigenen Schuld

Die moderne Freiheit hat eine Schattenseite: Sie macht den Menschen zum letztverantwortlichen Gestalter seines Lebens. Er ist nicht nur für seine Taten verantwortlich, sondern auch für seine Emotionen, Beziehungen, Karriere und sein Glück. Was misslingt, ist letztlich eigene Schuld. Was nicht gelingt, wurde nicht ausreichend versucht. Wo das Leben hakt, versagt das Selbst.

Diese radikale Individualisierung von Verantwortung führt zu einer unhaltbaren Situation. Schuld wird allumfassend, kann aber nicht mehr getragen werden. Sie scheuert, nagt und untergräbt das Selbstgefühl. Zugleich ist sie nicht übertragbar, nicht vergebbar und nicht in einen größeren Zusammenhang einzubetten.

Der Gedanke der Machbarkeit bietet hier eine Scheinalternative. Wenn das Leben machbar ist, lässt sich auch Schuld lösen. Dann muss sie nicht getragen werden, sondern kann durch Veränderung aufgehoben werden – durch Korrektur, Neugestaltung oder Reinigung. Schuld wird zu einem technischen Problem.

Doch Machbarkeit ist eine Illusion. Das Leben lässt sich nicht steuern. Genau diese Einsicht macht die moderne Schuld unerträglich. Wenn diese Illusion zerbricht, bleibt ein Gefühl des Scheiterns ohne Ausweg zurück.

Wohin also mit dieser Schuld?

10. Die Geburt der Schuldneurose

Wenn Schuld nicht mehr getragen und nicht mehr auf einen transzendenten Anderen projiziert werden kann, bleibt nur eine Richtung: nach innen. Der moderne Mensch introjiziert seine Schuld. Er projiziert sie auf eine Dimension seiner selbst, von der er glaubt, sie sei veränderbar.

Meine Geschichte, Kultur, Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Körper, nationale Identität, ja sogar die natürliche Umwelt werden zu Schuldträgern. Was nicht taugt, muss folgerichtig verändert oder abgeschafft werden. Nicht, weil es objektiv falsch wäre, sondern weil es als Träger eines unerträglichen inneren Mangels gilt.

In dieser Bewegung verwandelt sich Schuld in Dynamik. Das Gefühl des Scheiterns wird in Aktivismus umgewandelt. Die lähmende Last der Schuld weicht moralischer Energie. Durch den Kampf gegen das Eigene, durch die Problematisierung und Umformung des Selbst, wird Unschuld zurückgewonnen. Man wird wieder gut. Rein. Moralisch akzeptabel.

So entsteht die Schuldneurose als kollektives Phänomen. Sie wirkt zwar befreiend, ist im Kern aber regressiv. Sie bietet keine Versöhnung, sondern Aufschub. Keine Ruhe, sondern Bewegung. Schuld wird nicht getragen, sondern permanent aktiviert.

Was sich individuell vollzieht, organisiert sich kollektiv. Schuld wird geteilt, verstärkt und normalisiert. Sie erhält eine moralische Sprache, eine Symbolik und ein Feindbild. Genau hier zeigt sich jenes Engagement, das sich als unabwendbar und selbstverständlich erweist.

11. Das Selbstverständliche als moralische Waffe

Ein auffälliges Merkmal des gegenwärtigen Engagements ist die Betonung des Selbstverständlichen. Die Anliegen scheinen unbestreitbar: soziale Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit, Antirassismus und Nachhaltigkeit. Wer könnte schon dagegen sein? Das Engagement tritt nicht als Position auf, sondern als Selbstverständlichkeit.

Gerade darin liegt seine Stärke. Indem das Selbstverständliche und Vernünftige unmerklich zum Absoluten erhoben wird, erübrigt sich die Diskussion. Was niemand bestreitet, muss nicht weiter diskutiert werden. Der Diskurs verschiebt sich somit von der Frage „Was ist angemessen?” zu „Wer steht auf der richtigen Seite?”. So entsteht eine moralische Positionierung, die sich dem Zweifel entzieht.

Die Berufung auf das Selbstverständliche ermöglicht eine moralische Unterscheidung, ohne dass es einer inhaltlichen Auseinandersetzung bedarf. Wer zustimmt, taugt. Wer zögert, differenziert oder Fragen stellt, wird hingegen verdächtig. Das Engagement richtet sich somit nicht primär auf das Problem selbst, sondern auf den anderen, der das Problem noch nicht auf die „richtige” Weise erkennt.

In dieser Bewegung wird Schuld neu verteilt. Nicht mehr nach Taten, sondern nach Bewusstsein. Wer die richtige Einsicht besitzt, gilt als moralisch fortgeschritten, wer sie nicht besitzt, gilt als rückständig oder widerständig. So erhält das Engagement eine hierarchische Struktur, die seinem eigenen emanzipatorischen Selbstverständnis widerspricht.

12. Cancel Culture und moralische Regression

Ist diese moralische Unterscheidung einmal vollzogen, verschwindet die Notwendigkeit des Dialogs. Die Zeit des Gesprächs mit dem Gegner ist vorbei, Realismus gilt als überholt und Zweifel als moralische Schwäche. Was bleibt, sind Korrektur, Ausschluss und Säuberung.

In diesem Kontext entsteht die „Cancel Culture”. Redner, Akademiker, Künstler, Bücher, Rituale und historische Figuren werden aus dem öffentlichen Raum entfernt – nicht, weil sie bedeutungslos geworden wären, sondern weil sie den geltenden moralischen Maßstäben nicht mehr genügen. Der Maßstab selbst bleibt dabei unangetastet.

Diese Unnachgiebigkeit verrät eine Regression. Zurückkehren tut kein neues Bewusstsein, sondern das Absolute des Gruppenbewusstseins. Wer abweicht, gehört nicht mehr dazu. Die moralische Gemeinschaft schließt sich, genau wie in vormodernen Zeiten. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass sich dieser Ausschluss nun als Fortschritt ausgibt.

Die Richtung der moralischen Projektion ist aufschlussreich. Sie richtet sich auf das Eigene: die eigene Geschichte, Kultur, Sprache, Symbole und Institutionen. Indem diese schuldig gesprochen werden, kann der moderne Mensch sein inneres Unbehagen nach außen projizieren, ohne es tatsächlich tragen zu müssen. Dreht man die Projektion um, wird die Quelle sichtbar: das erschöpfte, ambivalente Ego, das sich selbst nicht mehr erträgt.

13. Woke als kollektive Schuldneurose

Vor diesem Hintergrund erscheint das Phänomen, das unter dem Sammelbegriff „woke” firmiert, nicht als moralische Avantgarde, sondern als Symptom. Woke ist keine Aufklärung, sondern eine kollektive Schuldneurose, ein neurotisches Schuldgefühl, das immer breitere Schichten der Gesellschaft durchdringt.

Es ist die gebündelte Sinnleere, Frustration, Angst und Scham einer Moderne, die sich selbst überschätzt hat. Eine Moderne, die den Menschen absolute Freiheit versprach und sie mit einer untragbaren Verantwortung zurückließ. Die Schuldneurose verleiht dieser Ohnmacht eine Richtung. Sie kanalisiert inneres Versagen in einen äußeren Kampf.

Dieses Verlangen ist zutiefst menschlich. Das Bedürfnis nach Sinn, nach moralischer Bedeutung und nach dem Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, ist nachvollziehbar. Doch aufgrund ihres neurotischen Charakters kann diese Bewegung nichts schaffen, sondern nur zerstören. Sie nährt sich aus Ablehnung, nicht aus Verantwortung.

Durch ihren kollektiven Charakter gewinnt diese selbstdestruktive Dynamik an Schwung. Unter dem Banner des Engagements entsteht ein Sturm entwurzelter Egos, die sich auf dem Gipfel des Bewusstseins und der Erleuchtung wähnen. Die „Nicht-Erwachten“ werden mit kaum verhüllter Verachtung betrachtet. Diese Verachtung ist jedoch kein Zeichen moralischer Stärke, sondern eine direkte Resonanz der unbewussten Abscheu vor dem eigenen Mangel.

Woke ist somit keine neue emanzipatorische Bewegung, sondern ein moralisch aufgeladener Versuch, der Last der Schuld zu entkommen. Er verabsolutiert das eigene Recht, schließt andere aus und kehrt zum Gruppenbewusstsein zurück, das die Moderne eigentlich überwinden wollte.

14. Das kindliche Bewusstsein der Unschuld

Schuld ist im alltäglichen Sprachgebrauch eine moralische Kategorie; psychologisch und systemisch verweist sie jedoch auf etwas anderes. Im Gruppenbewusstsein – und beim Kind – ist Schuld zunächst das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Das Schuldgefühl signalisiert den Verlust der Verbundenheit und dient der Wiedererlangung der Unschuld. Wer Schuld empfindet, sehnt sich nach Rehabilitierung und erneuter Aufnahme ins Ganze.

In diesem Sinne haben Schuld und Unschuld kaum etwas mit Gutem und Bösem zu tun. Die Geschichte zeigt, dass selbst die größten Gräueltaten mit reinem Gewissen begangen werden können, solange sie innerhalb des moralischen Rahmens der Gruppe liegen. Umgekehrt kann sich jemand tief schuldig fühlen wegen einer Handlung, die moralisch vertretbar ist, wenn sie den Erwartungen der Umgebung widerspricht. Zahlreiche Familienaufstellungen machen genau diese Dynamik sichtbar.

Schuldgefühle verraten somit ein kindliches Bewusstsein, das am Bedürfnis nach Unschuld festhält. Sie verlangen nicht nach Verantwortung, sondern nach Freispruch. Das erklärt auch die Faszination für moralische Reinheit und die Anziehungskraft kindlicher Figuren wie Greta Thunberg im öffentlichen Diskurs: Wer unschuldig ist, muss nichts tragen.

15. Verantwortung als erwachsene Antwort

Wer Verantwortung übernimmt, muss nicht unschuldig sein. Im Gegenteil: Verantwortung setzt den Verlust der Unschuld voraus. Sie erkennt an, dass das Leben nicht rein ist, dass Scheitern, Mangel und Tragik untrennbar zur menschlichen Existenz gehören. Schuldgefühle verschwinden nicht, indem man sie zurückweist, sondern indem man aufhört, unschuldig sein zu wollen.

Verantwortung stellt das Gleichgewicht wieder her. Sie bringt Ruhe, wo Schuld Unruhe erzeugt. Sie führt nicht zu moralischer Erregung, sondern zur Erfüllung. Darin unterscheidet sie sich grundlegend von der Schuldprojektion, die stets Anmaßung erfordert und nur vorübergehende Erleichterung verschafft.

Dieser Unterschied zeigt sich deutlich in der Sprache des Engagements. Wenn eine öffentliche Person erklärt, „Rassismus sitze fest in weißen Menschen“, dann werden Schuldige geschaffen. Würde sie hingegen sagen, Rassismus sitze fest in ihr selbst, würde sie Verantwortung übernehmen. Dasselbe gilt für den männlichen Soziologen, der in einer überregionalen Zeitung behauptet: „Männlichkeit ist ein großes Problem.“ Wenn er über seine eigene Männlichkeit sprechen würde, würde er Verantwortung übernehmen, jetzt macht er (anonyme) Schuldige

16. Was Verantwortung nicht tut

Verantwortung muss nicht überzeugen. Sie hat keine Vorstellung vom Anderen, fühlt sich nicht moralisch überlegen und kennt kein Bedürfnis nach Bekehrung. Sie spricht nicht in absoluten Kategorien und sucht keinen Feind. Während Schuldprojektion polarisiert, wirkt Verantwortung entpolarisierend.

Schuld hingegen verlangt nach immer neuer Anmaßung. Sie wirkt wie ein Opiat: Die erste moralische Empörung verschafft zwar Erleichterung, verlangt jedoch bald nach Wiederholung und Steigerung. Die Euphorie ist oberflächlich und kurzlebig, die Unruhe kehrt zurück. Ruhe und Zufriedenheit stellen sich nicht ein.

Verantwortung ist dagegen still. Sie schleppt die Vergangenheit nicht unablässig mit sich herum und handelt nicht aus historischer Schuld, sondern antwortet im Hier und Jetzt. Nicht unsere Vorfahren belasten uns, jedenfalls nicht mehr oder weniger als wir selbst, sondern unsere Unfähigkeit, mit dem Geschehenen und dessen Auswirkungen auf uns heute umzugehen.

Während Schuld das Selbst zurückweist, stellt Verantwortung die Beziehung zu ihm wieder her. Und wo Selbstablehnung zu Zerstörung führt, eröffnet Verantwortung die Möglichkeit erwachsener Freiheit.

Epilog – Wirklich wach werden

Kinder sind unschuldig. Und gerade deshalb können sie keine Verantwortung tragen. Wenn sie es dennoch tun – häufig für ihre Eltern, unbewusst natürlich –, schadet es ihnen. Erwachsensein hingegen setzt den Verlust der Unschuld voraus. Wer erwachsen sein will, übernimmt Verantwortung und trägt die damit verbundene Schuld.

Der ambivalente moderne Mensch verwechselt beides. Er meint, das Gegenteil von Schuld sei Unschuld, und bleibt so in einem kindlichen Bewusstsein gefangen, das nach Freispruch verlangt. In diesem Verlangen wurzelt ein großer Teil des heutigen Engagements. Nicht als zynisches Machtstreben, sondern als Versuch, einer unerträglichen inneren Last zu entkommen.

Was sich heute als neue emanzipatorische Bewegung präsentiert, erweist sich in diesem Licht als regressiver Reflex. Während die Befreiungsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre das, was verschlossen war, öffneten, wird nun, aus Angst vor der unerträglichen Offenheit von Freiheit und Verantwortung, das, was offen war, wieder geschlossen. Das Absolute des Gruppenbewusstseins kehrt zurück, getarnt als moralischer Fortschritt.

„Woke” ist somit keine Aufklärung, sondern eine Verwirrung über Schuld und Unschuld, über das kindliche Verlangen nach Reinheit und die erwachsene Bereitschaft, Verantwortung zu tragen. Es ist der Versuch eines erschöpften Egos, der Fiktion der Eigenschuld zu entkommen, indem es sich durch den Kampf gegen das Eigene moralisch zu reinigen sucht.

Wirklich wach zu werden bedeutet jedoch etwas anderes. Es bedeutet, aufzuhören, unschuldig sein zu wollen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – ohne Ideologie, ohne moralische Erhebung, ohne Feind.

Nicht, um die Welt neu zu erschaffen, sondern um auf das zu antworten, was ist – hier und jetzt.

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