Das Lebendige in Organisationen

Sehr verehrter Herr Nationalratspräsident!

Geschätzte Damen und Herren Bundesminister!

Sehr geehrter Herr Staatsminister und sehr geehrte Frau Landesrätin!

Werte Damen und Herren Abgeordnete!

Sehr geehrte Festgäste!

Hallo, mein Name ist Coen Aalders. Ich bin Führungsberater, Change Manager und Executive Coach für Verwaltungen und Unternehmen.

Außerdem bin ich Mitglied des Nelles Instituts für phänomenologische Psychologie in Deutschland.

Es ist mir eine ganz besondere Ehre und Freude, mit Ihnen an diesem wundervollen Ort und zu diesem einmaligen Anlass, dem 30-jährigen Bestehen der Fachhochschulen in Österreich, eine Reflexion über Organisationen zu teilen.

Dieses Privileg ist auch ein Merkmal unseres wunderbaren Europas, in dem so unterschiedliche und doch miteinander verbundene Kulturen und Geschichten einander besuchen und sich austauschen können.

Wissen Sie, als ich die Österreichische Fachhochschul-Konferenz kennen gelernt habe, war meine erste Assoziation, dass die Fachhochschulen mit diesem Jubiläum erwachsen geworden sind. Das ist natürlich mehr ein rhetorischer Gedanke, wie es sich für einen Vortrag gehört. Deshalb möchte ich mit Ihnen darüber nachdenken, was das Lebendige und die Stufen des Lebens über Organisationen zu sagen haben. Und mit dem Lebendigen meine ich alles, was lebt, einschließlich Organisationen.

Zunächst möchte ich einige eher philosophische Gedanken über das Lebendige im Allgemeinen verlieren.

Erstens:

Eigentlich ist es fast unmöglich, über das Lebendige zu sprechen. Warum? Weil das Sprechen über das Lebendige das Lebendige voraussetzt. Das Lebendige und das Sprechen über das Lebendige sind in Bewegung. Während wir sprechen, können wir das Lebendige nicht aus der Ferne betrachten.

Und das bringt mich zu einer interessanten Frage über das Lebendige und Organisationen, worauf ich noch keine Antwort habe: Sprechen wir über das Lebendige, oder spricht das Lebendige durch uns über sich selbst? Und, was Organisationen betrifft: Leben wir unsere Organisationen oder leben unsere Organisationen uns?

Zweitens: Alles Lebendige hat sein eigenes, autonomes Ziel. Es ist entstanden mit, und durchdrungen von einem einzigartigen Gestaltungswillen, einem Wachstumsimpuls und einem eigenen Sinn.

Wir haben uns aber vor allem das Bild einer machbaren Welt gemacht, einer Welt, die wir nach unseren Vorstellungen gestalten können.

Sie, die Gäste des FHK, leben in einem besonderen Spannungsfeld, in dem Sie als Vorstandsmitglieder, Politiker oder als Wissenschaftler tätig sind. Die Gesellschaft erwartet von Ihnen, dass Sie das Land in wichtigen Bereichen wie Bildung und Forschung gestalten. Konstruierbarkeit und Vorhersehbarkeit sind dann wichtige Eigenschaften von Organisation.

Nun ist etwas nur dann vollständig machbar, konstruierbar, wenn es leblos ist. Nur dann haben wir die maximale Kontrolle.

Da alles Lebendige sein eigenes, autonomes Ziel hat, müssen wir, um eine gesunde Welt zu schaffen, in einem ständigen Dialog mit dem Lebendigen und damit auch mit unseren Organisationen stehen. Dabei müssen wir lernen, ein gewisses Maß an Kontrolle abzugeben und uns auf ein gewisses Maß an Hingabe und Demut einzulassen. Das kann manchmal ganz schön herausfordernd sein, nicht wahr?

Schließlich gibt es noch ein Drittes: das Lebendige ist durch eine ständige Bewegung des Öffnens und Schließens, des Wachsens und Schrumpfens gekennzeichnet. Diese wunderbare, beständige Bewegung des Lebendigen sehen wir sowohl im Ein- und Ausatmen, als in den Jahreszeiten, und auch in Ebbe und Flut …

Damit sind wir beim Kreislauf des Lebens angelangt. Es scheint nur natürlich, dass wir diese Stufen auch in unseren Organisationen wiederfinden. Aber zuerst finden wir sie in uns selbst:

Schauen wir erstens auf das Ungeborene

Ein ungeborenes Kind ist bereits lebendig, auch wenn es noch nicht auf die Welt gekommen ist. Es entsteht durch die wundervolle Empfängnis bei der Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau. Die beiden sind jedoch nicht die Schöpfer des Lebens, sondern geben das Leben nur weiter. „Sie“, die Kinder, „kommen durch euch, aber nicht von euch“, wie wir von den Persischen Dichter Khalil Gibran wissen. Wenn das Kind dann auf die Welt kommt, betritt es eine völlig neue, zunächst einmal unverständliche und radikal andere Welt. Auf diesen Übergang komme ich später noch zurück.

An dieser Stelle können wir sehr gut eine Parallele zu Organisationen ziehen. Das Zusammenkommen fruchtbarer Ideen führt zur Konzeption einer neuen, fruchtbaren Idee, wie vor 30 Jahren, als die Fachhochschulen gezeugt wurden. Woher die Idee stammte und warum sie entstanden ist, können Historiker im Nachhinein rekonstruieren. Doch jede Bewegung des Lebens geht einer anderen voraus. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir nicht konkret, woher diese Idee stammt, weil es eine Bewegung des Lebendigen selbst ist.

Die Kraft der Zeugung und die der Zeugung zugrunde liegende Idee sind bei Organisationen, genau wie die Liebe und das genetische Material zweier Menschen, die sich vereinen, von großer Bedeutung für die organisatorische Entwicklung.

Ich will Ihnen das an einige Beispiele verdeutlichen:

Viele Hochschulen in den Niederlanden sind, manchmal vor hundert Jahren, aus einer religiösen – katholischen oder protestantischen – Inspiration heraus gegründet worden. Andere aus einer Faszination für Handwerk und Kunst. Viele davon wurden in den letzten Jahren in neoliberal geprägte Studienkonglomerate umgewandelt. Sie haben sich aber nicht unbedingt die gleiche Qualität, Inspiration und pädagogische Stärke wie in den Jahren ihrer Entstehung bewahren können. Es fehlt, so behaupte ich, eine Verbindung zum Ursprung.

Die Universität Leiden wurde im Jahr 1575 gegründet. Sie ist die erste Universität in den Niederlanden und gehört zu den ältesten in Europa. Und nebenbei bemerkt, ist die Uni Wien natürlich noch viel älter.

Die Universität Leiden wurde der Stadt Leiden von Wilhelm von Oranien als Belohnung für ihren Widerstand gegen die Spanier während des 80-jährigen Krieges geschenkt. Das Motto der Universität lautet daher bis heute: Praesidium Libertatis, Bollwerk der Freiheit. Diese Verbindung mit dem Ursprung stärkt ohne Zweifel. Die Universität zählt bis heute zu den 100 besten weltweit.

Organisationen, die die Entstehung oder die Prinzipien der Konzeption ihrer Organisation nicht ausreichend ehren, anerkennen, oder sogar verneinen, sind oft mit weitreichenden organisatorischen Problemen konfrontiert.

Das erlebe ich in meiner Praxis als Berater jedenfalls immer wieder.

Ich glaube, dass der Erfolg von den Österreichischen Fachhochschulen auch auf den inspirierten Start zurückzuführen ist. Dieser hat einen fruchtbaren Boden für die weitere Entwicklung gelegt, was wirklich wunderbar ist.

Kommen wir zur Kindheit

Die Welt wird für ein neugeborenes Kind mit jedem Tag ein bisschen größer. Dabei bleibt es noch einige Jahre von den Eltern oder anderen erwachsenen Bezugspersonen abhängig. Es braucht eine Struktur, eine Ordnung, um zu überleben und sich weiterentwickeln zu können. Dabei ist es, z.B., für die Ordnung auch bedeutungsvoll, ob das Kind ein Einzelkind ist, oder das jüngste, ein mittleres oder das älteste Kind. Für ein Kind ist es von entscheidender Bedeutung, dass es sich am rechten Platz und zugehörig fühlt.

In der Welt der Organisationen sind zum Beispiel die katholische Kirche, aber auch die Armee ganz klaren Beispiele für diese Stufe des Bewusstseins. Struktur, Hierarchie, Zugehörigkeit und sichtbare Identität machen hier entscheidende Merkmale aus.

Anhand dieser Beispiele können wir sehr gut erkennen, dass die Bewusstseinsstufen in Organisationen völlig kontextabhängig sind und nicht per se als altmodisch oder modern bezeichnet werden können. Die jeweilige Aufgabe bestimmt, welche Bewusstseinsstufe das Lebendige unterstutzt.

Ich vermute, dass Fragen der Ordnung oder Unordnung, der formellen und informellen Hierarchie, der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit, auch in Ihrer Welt eine Rolle spielen. Wenn Sie eine empfundene Unordnung bemerken und diese Dynamiken betrachten, könnte eine stimmige Frage sein: Wonach sehnt das Lebendige sich?

In der Jugend …

In der Jugend entwickelt sich die Individualität, das Selbstbewusstsein, das wichtiger wird als die Gruppenzugehörigkeit. Damit einher geht die Selbstverwirklichung, die notwendig ist, um sich von den Eltern zu lösen und den eigenen Weg zu finden. Das Denken gewinnt nun die Oberhand, zumindest offiziell, in der Praxis ist der Jugendliche noch lange Zeit ambivalent.

Ich habe Ihnen vorhin von neoliberalen Studienkonglomerate in Holland erzählt. Erinnern Sie sich noch? Sie sind ein klassisches Beispiel für „jugendliche“ Organisationen. In diese Organisationen geht es hier, so wie bei dem Menschen auch, um Individualität, es geht um Wettbewerb, Leistung, Gewinn und Rationalität. Die Metapher des Marktes trifft hier zu.

Wie die Geburt ist auch die Pubertät ein entscheidender Moment des Übergangs. Zweifellos können wir uns alle an die körperliche und emotionale Heftigkeit der Pubertät als Übergangsphase erinnern, über die ich jetzt gerne mit ihnen sprechen möchte.

Herman Hesse hat dazu in seinem wunderschönen Gedicht “Stufen” Folgendes gesagt:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben,

In der Organisationstheorie nennen wir diese Bewegung des Lebens, Transition.  Der Organisationsberater William Bridges lehrt uns, dass der wesentliche Übergang in Organisationen nicht mit etwas Neuem beginnt, sondern mit einer Phase, in der etwas beendet wird. Das Ende beginnt mit der Einsicht, dass etwas wirklich vorbei ist und auch nicht mehr wiederkehren wird. Wir können unseren Mitarbeiter aber helfen, diesen Schritt zu tun, wenn wir sie davon überzeugen können, dass trotz dieses Endes die Zeugungsidee erhalten bleibt.

Wenn diese Phase des “Beendens” vorbei ist, betreten wir die “neutrale Zone”. Hier löst das Alte sich auf und nimmt das Neue langsam Gestalt an und ist noch nicht ganz greifbar. Diese Stufe ist immanent unsicher, und ich beobachte als Berater oft, dass diese Neutrale Zone als Beweis für das Scheitern der Veränderung gesehen wird. Aber das ist Sie nicht. Vielmehr gilt es, diese Stufe zu normalisieren, den Kurs zu halten und fortzufahren. Man muss sie er-leben und durch-leben.

Erst dann, wenn wir diese Phase der Unsicherheit hinter uns gelassen haben, kann etwas wirklich Neues beginnen.

In praktisch jeder Organisation, in der ich arbeite oder die ich berate, stelle ich fest:

Das größte Problem bei der Veränderung besteht darin, dass wir nicht angemessen unterscheiden zwischen Veränderungen an leblosen Strukturen eines Systems, und Veränderungen im psychologischen Sinne an etwas Lebendigem. Wenn letzteres nicht beachtet wird, ist eine Transition nicht mehr als das Verschieben von Schreibtischen.

William Bridges bringt es mit diesem wunderbaren Satz auf den Punkt:

“Sie vergessen, dass die erste Aufgabe des Changemanagements darin besteht, das gewünschte Ergebnis des Veränderungsprozesses zu verstehen und zu beschreiben, während die erste Aufgabe des Transitionmanagements darin besteht, die Menschen davon zu überzeugen, ihr “Zuhause” zu verlassen.”

Ich komme jetzt zu den Erwachsenen

Wir alle sind, vermutlich, mit einer traditionellen Vorstellung von menschlichem Erwachsensein als körperlicher und äußerer Realität aufgewachsen. Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, dann war ein erwachsener Mann für mich groß und stark und trug einen Anzug und eine erwachsene Frau war schön und süß und hatte eine Dauerwelle. Und Beide haben geraucht.

Doch das emotionale Erwachsensein ist noch einmal etwas ganz anderes. Das emotionale Erwachsensein bedeutet, zum Beispiel dass wir keine Erwartungen mehr an unsere Eltern haben und Sie auch keine Vorwürfe mehr machen.

Es bedeutet, dass wir uns ganz und gar der Opulenz von Freunden und anderen Gruppen, in denen wir uns engagieren, hingeben können, aber auch wissen, dass wir nicht mehr von ihnen abhängig sind.

Aber die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Erwachsenen ist, dass sie ihre Bestimmung kennen und zustimmen. Wir spüren, dass dort unser Leben zu fließen beginnt und vertrauen darauf, dass wir das beste Gefährt sind, um diesem Lebensstrom zu dienen.

Was macht also eine erwachsene Organisation aus?

Es beginnt im Grunde genommen mit der Frage, ob die Organisationen nicht von Natur aus und evolutionär der Entwicklungsfähigkeit der Mensch untergeordnet sind. Aber diese Frage verdient eine eigene Rede

Dennoch, ich habe in der Begegnung mit der FHK den Eindruck gewonnen, dass die Fachhochschulen den Herausforderungen der Zukunft mit Zuversicht begegnen können. Die Fachhochschulen agieren in Verbundenheit mit ihren Ursprüngen und in einem ausgewogenen und selbstbewussten Gleichgewicht mit ihrem „Umfeld“. Sie strahlen die Zuversicht aus, die richtigen Organisationen zu sein, um ihrer Bestimmung zu dienen.

So. An dieser Stelle könnte ich meinen Vortrag eigentlich prima beenden und mal nach einem Glas Wein Ausschau halten, aber…. Sie merken es selbst…. da fehlt noch was.

Über den letzten Abschnitt des Lebenszyklus, den Tod, sprechen wir bei festlichen Anlässen wie diesem natürlich nicht so gern. Aber vielleicht geht es ja so: Ich schließe mit einem Gleichnis des niederländischen Priesters Henri Nouwen. Es trägt den Titel: “Gibt es ein Leben nach der Geburt?“und beschreibt das Mysterium des Lebendigen in einen fiktiven Dialog zwischen Zwillingen im Mutterleib.

„Hey, sag mal, glaubst du an ein Leben nach der Geburt?“, fragt einer der Zwillinge.

“Ja, auf jeden Fall!!! Hier drin wachsen wir und werden stark für das, was danach kommt”, antwortet der andere Zwilling.

„Das glaube ich nicht, das ist doch Unsinn“, sagt der erste. „Es kann doch kein Leben nach der Geburt geben – wie soll das denn aussehen?“

“Das weiß ich auch nicht genau. Aber dort wird es viel heller sein als hier. Und wahrscheinlich können wir uns mit den Beinen fortbewegen, das nennt man dann wohl laufen, und wir können mit dem Mund essen.”

“Lächerlich, das habe ich noch nie gehört! Mit dem Mund essen? Was für eine idiotische Idee. Wir haben doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Wie wollen wir dann herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur doch viel zu kurz, oder?”

“Ich gebe zu, dass niemand genau weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich glaube auch, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie sich weiter um uns kümmern wird.”

“Mutter? Du glaubst doch nicht an eine Mutter? Wo sollte sie denn sein?”

“Na hier – überall um uns herum. Wir leben in ihr und durch sie. Ohne sie wären wir gar nicht hier!”

“So ein Unsinn! Ich habe nichts von einer Mutter gehört, also gibt es sie auch nicht!!!”

Hör mal, manchmal, wenn wir ganz leise sind, kannst du sie singen hören oder spüren, wie sie unsere Welt streichelt…”.

Ich verbleibe mit den allerherzlichsten Glückwünschen zum Jubiläum und dem Ausdruck meiner größten Zuversicht für die Zukunft und danke für die Aufmerksamkeit.

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